Wer zuerst zu den Bildern möchte: bittesehr!
Es ist ganz still. Nur der Wind rauscht.
Ich stehe auf einem Felsabsatz, vor mir eine völlig surreale Landschaft: auf lavaschwarzen Bergen leuchtet grellgrünes Moos. Ein nebelverhangener See mit vielen, ebenfalls leuchtendgrünen kleinen Inseln, in der Ferne schimmert das Blau-Weiß eines Gletschers.
Ich stehe und sauge die nebelfeuchte Luft in mich hinein, versuche, den Moment so tief in mich aufzunehmen, wie es geht.
Doch da:
Ich habe so etwas noch nie gehört, aber irgendwie passt diese fremdartige, melodische Stimme hierher. Ein Prachttaucher, lerne ich später – auch in dieser Einöde gibt es also Tiere. Ich sehe ihn nicht, aber der Ruf klingt erst nah, dann immer weiter entfernt, bevor er verstummt. Ich atme noch einmal tief durch, dann drehe ich mich um: das Frühstück wartet.
Wieder einmal habe ich den ersten Kaffee verpasst und muss warten, bis die zweite Kanne fertig gebrüht ist. Ein bisschen ziehen mich meine Reisekollegen auf, dass ich, die Langschläferin (eine „Berufskrankheit“), zwar endlich einmal zeitig aufgewacht bin, es aber trotzdem schon wieder nicht geschafft habe. Aber das ist sie schon wert, diese unglaubliche Landschaft.
Es ist eine nette und inzwischen schon recht zusammen gewachsene Gemeinschaft, mit der zusammen ich hier mitten im Niemandsland campe. Insgesamt sind wir sechs Reisende und unser Guide Sven, die hier mitten im schwarzen Sand des isländischen Hochlands unsere Zelte aufgeschlagen haben. Obwohl es noch nicht einmal einen Platz zum Aufwärmen gibt, hat jeder gute Laune. Wohl wirklich eine spezielle Art des Urlaubs: Unser Campingplatz besteht aus einem prominent in der Landschaft platzierten Waschbecken (ohne Wasser) und einem architektonisch überraschend ansprechenden Toilettenhäuschen („no drinking water!“) auf der anderen Seite. Am Vortag hatten wir mehr oder weniger erfolgreich versucht, in dem losen schwarzen Untergrund, der sich später in jeder Ritze unseres Gepäcks finden sollte, unsere Zelte gegen den Wind zu sichern und die warmen Schlafsäcke auszurollen, während Sven wie jeden Tag auf dem kleinen Campingkocher ein höchst wohlschmeckendes Essen zauberte. Das tat wirklich gut!

– „Die Erinnerung hat bestimmt alles verklärt – so schön kann es in Wirklichkeit gar nicht sein, außerdem wird es bestimmt die ganze Zeit regnen, und kalt ist es auch”. Mehr als einmal hatte ich mich selbst vorher für verrückt erklärt, aber der Zauber Islands wirkt noch immer, seit ich 2018 zum ersten Mal dort war. 2020 – mitten im Covid-Jahr – folgte meine erste Reise in das magische Hochland Islands, von der ich mit glänzenden Augen zurück gekommen war. Kurzerhand hatte ich beschlossen: das wollte ich noch einmal erleben, und zwar als krönenden Abschluss der Auszeit, die ich mir im vergangenen Jahr genommen hatte.
Und so saß ich nun am Ufer des Langisjór, zusammen mit sechs anderen, war am Vorabend auf den Sveinstindur hinauf geschnauft, um oben feststellen zu müssen, dass der Nebel wohl nicht mehr weichen würde. Glücklicherweise hatten wir unterwegs schon ein paar Fotostopps gemacht, und ich fand die Aussicht schon unterwegs atemberaubend.
Das mit dem Wetter: tatsächlich kann das in Island, im Hochland zumal, ziemlich unfreundlich sein. Doch wir hatten Glück: bis auf etwas Nieselregen und den Nebel, der abends auftauchte (ich fand ihn ja durchaus stimmungsvoll) blieb es schön, es gab viel Sonne und die Furten blieben passierbar. Denn so etwas wie asphaltierte Straßen gibt es im Hochland nicht. Das, was die Isländer als „F-Straßen“ bezeichnen, sind Schotterpisten, oft mit unzähligen Schlaglöchern, Flüsse werden einfach durchfahren, Brücken gibt es nicht. Sven fuhr das erste Auto mit der für ihn typischen Mischung aus unerschütterlicher Ruhe und Abenteuerlust (und viel Island-Erfahrung); Francis, der Schweizer, der das zweite Auto fuhr, lernte schnell und ließ sich bald nicht mehr abhängen.

“Nur“ acht Tage waren wir unterwegs, davon fünf in der wilden Mitte von Island, ohne Straßen, ohne Häuser, ohne Geschäfte oder Tankstellen. Aber zurück kamen wir mit so viel Eindrücken, dass wir das Gefühl hatten, Wochen unterwegs gewesen zu sein. Auf unserem Weg lagen Flüsse, die sich tosend Abgründe hinunter stürzten und Flüsse, die in barock anmutender Pracht unendlich vielfältige Muster in den schwarzen Sand mäanderten, dazu Seen und Inseln in allen Größenordnungen. Das Wasser war hier entweder leuchtend türkis, schlammig gelb oder spiegelnd schwarz und setzte seine eigenen Farbakzente zwischen schwarzen Bergen und leuchtend grünem Moos. Oft tauchte es völlig überraschend auf, wenn sich auf einmal in der Steinwüste ein Riss auftat, man in eine tiefe Schlucht mit wild rauschenden Flüssen blickte und ringsum plötzlich das Grün wucherte. Manchmal leuchteten die Berge auch bronzefarben mit gelegentlichen blaugrauen Farbtupfern; und es dampfte an allen möglichen Stellen hervor – und roch deutlich nach Schwefel. Ergänzt wurde das Farbenspiel durch weiße Flecken liegengebliebenen Schnees und in der Ferne leuchtende Gletscher. Zwischen kegelförmigen Bergen wie aus dem Bilderbuch ragten bizarr geformte Felsformationen in die Höhe – Islands Trolle und Elfen schienen uns auf Schritt und Tritt zu begleiten. Besonders dann, wenn das Spiel aus Sonne und Wolken einen getupften Lichterteppich über das Ganze breitete. Kurz: wir staunten bei jedem Stopp, waren jedes Mal überzeugt, dass dies nun das ultimative Highlight war, um beim nächsten Halt wieder aufs Neue aus dem Staunen nicht heraus zu kommen.
Wer sich für die genaue Reiseroute interessiert: eine Reisegefährtin hat sich die ganze Strecke in die Karte einzeichnen lassen. Wir vertrauten unserem Guide, und hatten unterwegs schon genug damit zu tun, uns die Namen zu merken, die ebenso fremdländisch klangen wie die Landschaft aussah und für uns unaussprechlich blieben: Kerlingarfjöll, Gjáin, Hveravellir, Thakgil oder Eldgjá.


Auch als wir aus dem Hochland zurückkehrten und endlich wieder auf asphaltierten Straßen fuhren, blieb Island uns nichts schuldig. Hier war zwar zum ersten Mal spürbar, welche Menschenmengen im Sommer die Naturwunder Islands besuchen – jedenfalls, solange diese verkehrsgünstig liegen. Trotzdem: es bleiben Naturwunder. Und wenn man in der Morgendämmerung zum berühmten Diamond Beach (dem Breidamerkursandur) kommt, ist man tatsächlich alleine dort und kann in Ruhe die glitzernden Eisbrocken, die das Meer anspült, bewundern.
Ein letztes Highlight wartete da noch auf uns: mit einer Cessna über die in unendlich fantasievollen Mustern dahin mäandernden Flüsse zu fliegen und die abstrakten Kunstwerke, die da unter uns lagen, zu bestaunen und zu fotografieren. Ich war erst bei der zweiten Runde dabei, aber wir müssen bei der Rückkehr ähnlich gestrahlt haben wie die, die uns vom ersten Flug entgegenkamen: wieder einmal – und diesmal ganz besonders: so etwas hatte ich bisher nur auf Bildern gesehen, es live zu erleben, war die Erfüllung eines langgehegten Traums.

Es ist eine Herausforderung, das überwältigende Gefühl, selbst vor oder mitten in diesen Farben und Formen zu stehen, in Bildern ausdrücken zu wollen – einen kleinen Eindruck geben sie aber hoffentlich. Auch hier sei noch einmal Sven gedankt, der uns nicht nur sicher geführt und bestens bekocht hat, sondern stets für jeden viele Tipps für gute Bilder parat hatte.
Und hier sind sie nun endlich, die Bilder!


Was für dein toller Bericht unserer unvergesslichen Reise! Vielen Dank, liebe Kerstin! Ich werde noch lange in Erinnerung an diese besonderen Tage schwelgen und bin so froh, euch alle kennengelernt zu haben. – Und deine Fotos sind ein Traum!!🫶 Alles Liebe! Jo.
Hallo Frau Siepmann,ihr Vater hat mir ihren wunderbaren Reisebericht mit den tollen Fotos geschickt.Ich bin schon über 60 Jahre mit ihrem Vater befreundet.Auch kenne ich ihre Mutter.Der complette Bericht hat mir und meiner Frau sehr gut gefallen.Ich werde den Bericht dauerhaft abspeichern und ihn meiner completten Familie zeigen. Mit freundlichen Grüßen aus Bochum Franz Elsler
Lieber Franz Elsler, das freut mich sehr – vielen Dank!
Liebe Jo – ja, das war wirklich eine besondere Reise, es war einfach toll mit euch! Und Danke….!